Bericht Praxisforum 12.08.2010
Die praktische Umsetzung der Balance von Arbeit und Privatleben stand im Mittelpunkt des Praxisforums „Balance von Beruf und Privatleben“ im Haus der Gewerkschaften in Magdeburg am 12. August 2010. Die Abschlussveranstaltung zum Projekt „Arbeit und Familie! Auf und davon?“ (AuF) hat einen regen Zuspruch gefunden: 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – darunter viele Betriebsräte haben über die Fachkräftesituation und gute Arbeitsbedingungen in der betrieblichen Praxis diskutiert.
Der Wirtschaftsminister des Landes Sachsen-Anhalt (Dr. Reiner Haseloff) hat in seiner Begrüßungsrede auf die Notwendigkeit der Familienfreundlichkeit in sachsen-anhaltinischen Unternehmen hingewiesen, welche im Rahmen des Projektes mit Unterstützung des Wirtschaftsministeriums und durch Mittel des Europäischen Sozialfonds gefördert wurde. Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist aus seiner Sicht ein wichtiger Punkt für die Fachkräftesicherung der Region. Zudem sprach er sich für eine Tarifbindung aus.
Begrüßung durch Claudia Dunst, Projektleiterin „Arbeit und Familie! Auf und davon?“ und Beraterin der Wert.Arbeit GmbH, Berlin
Auch der Vorsitzende des DGB Sachsen-Anhalt (Udo Gebhardt) unterstrich in seiner Rede, dass ein gutes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit neben der Höhe des Arbeitslohns ein entscheidender Faktor für die Fachkräftesicherung ist. Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben beinhalte dabei nicht nur das Thema Kinderbetreuung, sondern auch viele Facetten der Arbeitspolitik in den Betrieben wie Arbeitszeit, Gesundheitsförderung und die Pflege von Angehörigen. Beschäftigte sollten hier mit gestalten können.
Die Landesbezirksvorsitzende Ost der Gewerkschaft NGG (Petra Schwalbe) bekräftigte zudem, dass ein wertschätzender Umgang mit Beschäftigten, der sich in gerechten Löhnen wie auch in guten Arbeitsbedingungen in der Region zeigen muss, gefordert ist.
(von links nach rechts): Dr. Reiner Haseloff (Minister im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen-Anhalt), Udo Gebahrdt (Vorsitzender des DGB Sachsen-Anhalt) und Petra Schwalbe (Landesbezirksvorsitzende Ost der Gewerkschaft NGG)
In den Diskussionsrunden mit sechs Betrieben, die an dem Projekt beteiligt waren, wurden verschiedene Gesichtspunkte der Fachkräftesicherung sowie der Balance von Arbeit und Privatleben erörtert. Übergreifend wurde folgendes zur Fachkräftesituation festgestellt:
Die Qualität und Anzahl der Bewerbungen in den Betrieben wäre in den letzten Jahren deutlich gesunken, zudem kämen zunehmend Bewerberinnen und Bewerber in die engere Wahl, die viel Unterstützung für den erfolgreichen Ausbildungsabschluss benötigten. Hintergrund sei nach Erfahrung der Praktikerinnen und Praktiker, dass oftmals die Einstiegsgehälter, Schichtsysteme sowie die belastenden Tätigkeiten nicht den Vorstellungen der jungen Menschen entsprächen. Der Altersdurchschnitt der Beschäftigten steige zudem und liege derzeit zwischen 45 und 55 Jahren. Für das Thema der Familienfreundlichkeit wäre in Betrieben oft kein Platz, wenn Themen wie Personalreduzierung, Leiharbeit und Gehälter im Niedriglohnbereich an der Tagesordnung stehen.
Katarina Ebert, Projektmitarbeiterin „Arbeit und Familie! Auf und davon?“ und Beraterin der Wert.Arbeit GmbH, Berlin
Im Verlauf der Diskussion berichteten die Betriebe aus den Beratungsprozessen sowie deren Ergebnisse:
So wurde in einem Lebensmittelbetrieb mithilfe beteiligungsorientierter Workshops Mehrarbeit abgebaut, indem die Kommunikation innerhalb der Abteilungen verbessert wurde. Hier wussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genau, wo was „klemmte“. Die Informationen wurden von der externen Beratung aufgenommen, gesammelt und mit der Geschäftsführung diskutiert sowie erste wichtige Veränderungen vorgenommen. Das steigerte natürlich die Zufriedenheit der Beschäftigten. Es wurde als positiv wahrgenommen, eine außen stehende dritte Person zur Lösungsfindung zu haben.
Dasselbe Bild ergab auch der Beratungsprozess bei einem Bildungsanbieter. Hier wurden Probleme aufgedeckt (z.B. Vereinfachung der Dokumentation, mehr Anerkennung), die man vorher nicht gesehen hatte. Die Problemlösung erfolgte dabei ebenfalls mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Laut des Geschäftsführers sei die Vereinbarkeit sehr wichtig, da man sich selbst ja auch in die Probleme der Beschäftigten mit Kindern hineinversetzen könne. Als Geschäftsführung habe man deshalb die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erleichtern.
Thomas Michaelis, Betriebsratsvorsitzender der Emig GmbH & Co. KG
Auch der Betriebsrat eines Transportunternehmens mit viel Fahrdienst (auch am Wochenende) berichtete über Schwierigkeiten, geeigneten Fachkräftenachwuchs zu finden und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sicher zu stellen. Zunächst hätte der Betriebsrat Bedenken gehabt sich am Projekt zu beteiligen, da ja z.B. am Fahrdienst grundsätzlich nicht viel geändert werden könne. Nach einem Workshop wären jedoch alle überzeugt und begeistert gewesen vom Sinn und den Zielen des Projekts. Im Workshop wurden bestehende Strategien des Betriebsrates zur Erleichterung der Balance von Arbeit und Privatleben für Beschäftigte zusammengetragen (z.B. Schichtplankontrolle: Sind die Wünsche der Beschäftigten für freie Zeiten berücksichtigt?). Das Ergebnis wurde in einem Faltblatt an alle Beschäftigten ausgeteilt und sehr positiv aufgenommen.
Für den Betriebsrat eines Getränkeproduzenten war es nicht das erste Projekt dieser Art und er hat bisher gute Erfahrungen mit einer externen Beratung sammeln können. Eine Betriebsvereinbarung zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben war in einem früheren Projekt entstanden. Er betonte deshalb, dass es immer gut sei, eine neutrale Person zu haben, die sich die Prozesse anschaut. Doch man müsse auch versuchen, neben den Beschäftigten, die Führungskräfte zu beteiligen. Wenn man alle Parteien einbeziehe, dann würde am Ende das Ergebnis besser umgesetzt. Die Vorteile für die Arbeitgeber lägen aus seiner Sicht auf der Hand: sie können so die Fachkräfte an sich binden.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Praxisforums am 12.08.2010 in Magdeburg
In einem weiteren Betrieb der Lebensmittelindustrie sollte ein neues Schichtsystem eingeführt werden. Der Vorschlag sah vor, aus dem derzeit gut funktionierenden Standard-Schichtmodell ein Schichtmodell mit einer Springer-Position zu machen. Daher wand sich der Betriebsrat an das Projekt „AuF“, um den neuen Schichtsystemvorschlag zu diskutieren. In einem Arbeitszeitgutachten ergab sich, dass das neue Konzept viele noch unbeantwortete Fragen aufwirft. Unter anderem waren keine Voraussetzungen für ein passendes Entlohnungssystem für Springertätigkeiten vorgesehen und die Freizeit wäre in der „Springer-Schicht“ nicht mehr planbar. Eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie würde dadurch sehr erschwert. Der Betriebsrat hat dieses Ergebnis, nämlich viele offene Fragen, an die Geschäftsführung weitergegeben und wartet nun auf die Reaktion.
Ein Betriebsrat aus der Backindustrie wurde bei seinem Vorhaben unterstützt, eine eigene Befragung der Beschäftigten durchzuführen. Problematisch war immer wieder ein Produktionsbereich, in dem das Klima unter den Beschäftigten besonders negativ war. Offen wollten sich die Beschäftigten aber nicht über Gründe und Probleme äußern. Vielleicht werden nun Informationen aus der Befragung sichtbar. Daraus sollen neue Lösungsansätze entwickelt werden.
Die vollständigen Beschreibungen der Beratungen finden Sie unter der Rubrik
Downloads auf der Internetseite.
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